Alicia Damitsch, M. Ed.
Handlungsleitende Wissensbestände von Englischlehrkräften an Berufskollegs
Dieses Dissertationsprojekt untersucht welche Wissensbestände das unterrichtspraktische Handeln von Englischlehrkräften an Berufskollegs (BK) leiten. Handlungsleitende Wissensbestände sind meist implizites Wissen, das stark habitualisiert ist und damit das Handeln von Akteur:innen unbewusst beeinflusst (Gerlach, 2022, S. 267). Die Form des Handelns dokumentiert sich in diesen handlungsleitenden Wissensbeständen (Bohnsack, 2017, S. 14). Ihre Systematik kann daher Rückschlüsse auf langfristige Wirkungen der Lehrkräftebildung auf das unterrichtspraktische Handeln ermöglichen.
Bei den Untersuchungen zu Wirkungen der Lehrkräftebildung wurden jedoch nicht alle Zielgruppen gleichermaßen beachtet. Beispielsweise Englischlehrkräfte an Berufskollegs (BK) wurden sowohl von der Fremdsprachenforschung als auch von der Berufsbildungsforschung vernachlässigt (z. B. Kreft & Hasenzahl, 2019; Rauner & Grollmann, 2018). Dabei ist das BK die schülerinnen- und schülerstärkste Schulform der Sekundarstufe II in Nordrhein-Westfalen (NRW) (Euler, 2022, S. 38) und sollte entsprechende Beachtung in der Forschung finden. Eine Untersuchung der Wirkungen der Lehrkräftebildung im Fach Englisch für BKs im Rahmen dieses Dissertationsprojekts könnte Implikationen für eben diese erlauben und langfristig einen hochwertigen berufsorientierten Englischunterricht fördern.
Somit widmet sich das Projekt folgender Forschungsfrage: Welche Wissensbestände leiten das unterrichtspraktische Handeln von Englischlehrkräften an Berufskollegs? Diese vermutlich diversen Wissensbestände, u. a. aus der Lehrkräftebildung stammend, werden empirisch rekonstruiert. Zu diesem Zweck werden narrative Interviews mit Lehrkräften, die Englisch an BKs unterrichten, geführt und mittels der Dokumentarischen Methode (nach Bohnsack, 2021) interpretiert. An das Rekonstruktionsergebnis werden fremdsprachendidaktische und berufspädagogische Normen angelegt, sodass konkrete Implikationen für die Lehrkräftebildung abgeleitet und formuliert werden können.
Literatur
Bohnsack, R. (2021). Rekonstruktive Sozialforschung: Einführung in qualitative Methoden (10. Auflage). Verlag Barbara Budrich.
Bohnsack, R. (2017). Praxeologische Wissenssoziologie. Verlag Barbara Budrich.
Euler, D. (2022). Die Rolle des Berufskollegs im nordrhein-westfälischen Bildungssystem: Leistungspotenziale, Herausforderungen und Ansätze zur Weiterentwicklung unter besonderer Berücksichtigung des Ruhrgebiets [extended edition]. Universität St. Gallen.
Gerlach, D. (2022). Dokumentarische Methode. In D. Caspari, F. Klippel, M. K. Legutke, & K. Schramm (Eds.), Forschungsmethoden in der Fremdsprachendidaktik (pp. 266-276). Gunter Narr Verlag.
Kreft, A. & Hasenzahl, M. (Hrsg.) (2019). Aktuelle Tendenzen in der Fremdsprachendidaktik. Zwischen Professionalisierung, Lernerorientierung und Kompetenzerwerb. Peter Lang.
Rauner, F. & Grollmann, P. (Hrsg.) (2018). Handbuch Berufsbildungsforschung. utb.
Freya Dehn, M.A.
Arbeitstitel der Promotion:
Professionalisierung für Sprachbildung. Eine rekonstruktive Studie zum Einsatz von Videos in der Lehrer*innenbildung für berufliche Schulen
Kurzzusammenfassung des Vorhabens:
Die Bedeutung von Deutschkenntnissen für die Teilhabe an beruflicher Bildung und Erwerbsarbeit ist unbestritten (vgl. Brücker et al. 2019, S. 5; Hunkler 2016, S. 627). Die Vielfalt der Sprachhintergründe sowie die weiteren unterschiedlichen Voraussetzungen erfordern eine differenzierte Herangehensweise, um den individuellen Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler gerecht zu werden. Die gezielte Stärkung deutschsprachiger Kompetenzen aller Schülerinnen und Schüler wird auch explizit als Aufgabe aller Lehrkräfte von der Kultusministerkonferenz betont (vgl. KMK 2019) und u.a. als sprachbildendes Unterrichten oder Sprachbildung gefasst.
Vor diesem Hintergrund zielt das Dissertationsvorhaben darauf ab, Potential von Unterrichtsvideos im Kontext universitärer Lehrkräfteprofessionalisierung für sprachbildendes Unterrichten im Fachunterricht abzuleiten. Konkret werden mittels der Dokumentarischen Methode (z. B. Bohnsack 2014) Orientierungen und Normen hinsichtlich Sprachbildung bzw. Sprache im Fach im Sprechen über Unterrichtsvideos und über deren Einsatz im Seminar rekonstruiert und Professionalisierungspotential analysiert.
Dafür wurden narrativ-episodische Interviews mit Studierenden des Lehramts an Berufskollegs (BK) nach Besuch eines Seminars im Rahmen des Moduls „Deutsch für Schülerinnen und Schüler mit Zuwanderungsgeschichte“ (MSB NRW 2009) geführt. In diesem Seminar wurden Videos eingesetzt, die exemplarisch sprachbildend gestalteten Unterricht im Bildungsgang der Fleischerinnen und Fleischer zeigen. Relevante Stellen der Interviews werden vergleichend analysiert, d.h. relevante Diskursabschnitte werden mittels der Schritte einer formulierenden und reflektierenden Interpretation ausgewertet (vgl. Gerlach 2022).
Literatur
Bohnsack, R. (2014). Rekonstruktive Sozialforschung. Einführung in qualitative Methoden, 9. Aufl.. Verlag Barbara Budrich.
Brücker, H., Croisier, J., Kosyakova, Y., Kröger, H., Pietrantuono, G., Rother, N. & Schupp, J. (2019). Zweite Welle der IAB-BAMF-SOEP-Befragung. Geflüchtete machen Fortschritte bei Sprache und Beschäftigung. IAB-Kurzbericht, 3 (2019).
Gerlach, D. (2022). Dokumentarische Methode. In D. Caspari, F. Klippel, M. K. Legutke & K. Schramm (Hrsg.), Forschungsmethoden in der Fremdsprachendidaktik. Ein Handbuch (2., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage, S. 266–277). Gunter Narr Verlag.
Hunkler, C. (2016). Ethnische Unterschiede beim Zugang zu beruflicher Ausbildung. In C. Diehl, C. Hunkler & C. Kristen (Hrsg.), Ethnische Ungleichheiten im Bildungsverlauf (S. 597–641). Springer Fachmedien.
KMK (Kultusministerkonferenz) (2019). Empfehlung der Kultusministerkonferenz für einen sprachsensiblen Unterricht an beruflichen Schulen. 2019. Abgerufen von URL: https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2019/2019_12_05-Sprachsensibler-Unterricht-berufl-Schulen.pdf, zuletzt abgerufen: 09.12.2024
MSB NRW (Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen) (2009). Gesetz über die Ausbildung für Lehrämter an öffentlichen Schulen (Lehrerausbildungsgesetz – LABG), vom 12. Mai 2009 (GV. NRW. S. 308), zuletzt geändert durch das Gesetz vom 19. Dezember 2023 (GV. NRW. 2023 S. 1456). URL: https://bass.schul-welt.de/9767.htm#1-8p11, zuletzt abgerufen: 09.12.2024
Das Promotionsvorhaben wird betreut durch Prof.in Dr.in Constanze Niederhaus (in Erstbetreuung) und Prof. Dr. phil. habil. David Gerlach (in Zweitbetreuung).
Rebekka Gallusser
Mehrsprachige Sprachenkonstellationen in der Pflege – Pflege-Patient*in-Gespräche zwischen Pflegekräften aus Mexiko und ihren Patient*innen in Deutschland – eine diskursanalytische Untersuchung (Arbeitstitel)
Aufgrund des demografischen Wandels in Deutschland und des damit einhergehenden Pflegekräftemangels arbeiten zunehmend international ausgebildete Pflegekräfte in deutschen Krankenhäusern. Seit 2019 führt ein bilaterales Abkommen zwischen Deutschland und Mexiko zu einer verstärkten Rekrutierung von Pflegekräften aus Mexiko (Bundesministerium für Gesundheit 2019). In Rekrutierungsprojekten besuchen die bereits ausgebildeten Pflegekräfte berufsvorbereitende sowie -begleitende Deutschsprachkurse bis sie das Anerkennungsverfahren ihrer mexikanischen Berufsqualifizierung abgeschlossen haben und arbeiten parallel dazu bereits auf den Stationen. Insbesondere in der Pflege-Patient*in-Kommunikation sind die sprachlich-kommunikativen Bedarfe von Pflegekräften komplex (Haider 2010). Das sprachlich-kommunikative Handeln sollte stets an die entsprechende Konstellation (Ehlich 2007) angepasst sein, um eine personenzentrierte Pflege (International Council of Nurses 2021) gestalten zu können. Bisher liegen keine Studien zum sprachlich-kommunikativen Handeln von Pflegekräften aus Mexiko und ihren Patient*innen in mehrsprachiger Sprachenkonstellation vor. Das Dissertationsvorhaben zielt daher auf eine explorative Untersuchung der Rekrutierung von Pflegekräften aus Mexiko im Kontext von Deutsch als Zweitsprache und Mehrsprachigkeit. Dabei wird das Forschungsfeld erschlossen und audiografierte Pflege-Patient*in-Gespräche zwischen Pflegekräften aus Mexiko und ihren Patient*innen diskursanalytisch (Ehlich 2010, Rehbein 2001) hinsichtlich des institutionellen Ablaufs sowie der sprachlich-kommunikativen Gestaltung untersucht. Die Ergebnisse sollen als empirische Basis ermöglichen, Handlungsempfehlungen für die Gestaltung der sprachlich-kommunikativen Unterstützung für Pflegekräfte aus Mexiko und darüber hinaus abzuleiten.
Literatur
Bundesministerium für Gesundheit (2019): Vereinbarung mit Mexiko
- Pflegekräfte sollen schneller nach Deutschland kommen. Online verfügbar unter
https://www.bundesgesundheitsministerium.de/ministerium/meldungen/2019/vereinbarung-mexiko.html, zuletzt geprüft am 04.12.2024.
Ehlich, K. (2007): Sprache und sprachliches Handeln. Berlin, New York: De Gruyter (3).
Ehlich, K. (2010): Funktional-pragmatische Kommunikationsanalyse. Ziele und Verfahren. In: Ludger Hoffmann (Hg.): Sprachwissenschaft. Ein Reader. 3., aktualisierte und erw. Aufl. Berlin, New York: De Gruyter, S. 183 – 201.
Haider, B. (2010): Deutsch in der Gesundheits- und Krankenpflege. Eine kritische Sprachbedarfserhebung vor der Hintergrund der Nostrifikation. Wien: facultas wuv.
Rehbein, J. (2001): Das Konzept der Diskursanalyse. In: Klaus Brinker, Armin
Burkhardt, Gerold Ungeheuer, Herbert Ernst Wiegand und Hugo Steger (Hg.): Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft. Ein internationales Handbuch zeitgenössischer Forschung. Berlin: De Gruyter, S. 927 – 945.
Daniel Marcher
Sprachigkeit in der dualen Berufsausbildung Österreichs. Sprachlich-soziale Praktiken professioneller Wissensaushandlung im Kontext flucht-migrationsbedingter Mehrsprachigkeit.
Die duale Berufsausbildung ist in Österreich seit mehreren Jahren Gegenstand einer politischen Debatte um Fachkräftebedarf, Flucht/Migration und (Arbeitsmarkt-)Integration. „Deutschkenntnisse“ bzw. „Kenntnisse der Landessprache“ werden dabei häufig als essenzielle Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche berufliche Qualifizierung inszeniert (vgl. u. a. BMWA & BM.I). Seit der Jahrtausendwende lässt sich zudem ein verstärkter Fokus auf sprachlich-kommunikative Kompetenzen und Deutschförderung in den einschlägigen politisch-institutionellen Verordnungen feststellen.
Für viele Berufe bzw. Berufsausbildungen liegen bislang jedoch kaum empirische Studien zu den interaktiven Praktiken der Wissensvermittlung sowie zur konkreten Funktion und Relevanz von (Deutsch-)Sprachkompetenzen vor (vgl. Granato/Settelmeyer 2017: 45). Um diese (sprach-)wissenschaftliche Leerstelle zu bearbeiten, habe ich im Rahmen meines Promotionsprojekts drei Auszubildende, die die deutsche Sprache im Zuge einer Flucht-/Migrationserfahrung in Österreich erworben haben, ein Jahr lang in ihren Berufsausbildungen begleitet.
Dabei wurden metasprachliche Interviews sowie ethnografische Beobachtungs- und Videodaten aus den beiden Institutionen (Berufsschule und Betrieb) des dualen österreichischen Berufsausbildungssystems erhoben. Ausgehend vom subjektiven Spracherleben (Busch 2021) der Auszubildenden werden in der Analyse die sprachlich-kommunikativen (u. a. Deppermann et al. 2016) bzw. sozialen (u. a. Reckwitz 2003) Praktiken beruflichen Lernens in Bezug auf Befähigung zur Partizipation an situativen Lern- bzw. Verstehensprozessen (Lave/Wenger 1991) multimodal-interaktionsanalytisch untersucht.
Unter anderem wird so auch der starke Fokus auf Deutschkompetenzen bzw. die scheinbar unumgängliche Notwendigkeit des (Deutsch-)Spracherwerbs für das Erlernen, Vermitteln und Ausüben beruflicher Tätigkeiten in Österreich einer empirisch gestützten Überprüfung unterzogen. Zudem können Verschränkungen und Wechselwirkungen zwischen sprachlichem Repertoire (Gumperz 1964) und professioneller Identität (u. a. Eteläpelto et al. 2014) ausgehend von der Perspektive Auszubildender subjektzentriert untersucht werden.
Literatur
Bundesministerium für Arbeit und Wirtschaft (BMAW); Bundesministerium für Inneres (BM.I) (2023): Migrationsplattform der österreichischen Bundesregierung. Spracherwerb. URL: https://www.migration.gv.at/de/leben-und-arbeiten-in-oesterreich/sprache/spracherwerb/, zuletzt geprüft am 03.05.2024.
Busch, B. (2021): Mehrsprachigkeit. 3., überarbeitete, erweiterte Auflage. Stuttgart: utb GmbH (UTB, 3774).
Deppermann, A.; Feilke, H.; Linke, A. (2016): Sprachliche und kommunikative Praktiken: Eine Annäherung aus linguistischer Sicht. In: Arnulf Deppermann, Helmuth Feilke und Angelika Linke (Hg.): Sprachliche und kommunikative Praktiken. Berlin, Boston: De Gruyter, S. 1–24.
Eteläpelto, A.; Vähäsantanen, K.; Hökkä, P.; Paloniemi, S. (2014): Identity and Agency in Professional Learning. In: Stephen Billett, Christian Harteis und Hans Gruber (Hg.): International Handbook of Research in Professional and Practice-based Learning, Bd. 27. Dordrecht: Springer Netherlands (Springer International Handbooks of Education), S. 645–672.
Granato, M.; Settelmeyer, A. (2017): Berufliche Ausbildung von Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund. Die Bedeutung von Sprache beim Zugang zu und in betrieblicher Ausbildung. In: Elisabetta Terrasi-Haufe und Anke Börsel (Hg.): Sprache und Sprachbildung in der beruflichen Bildung. Münster, New York: Waxmann (Sprachliche Bildung, Band 4), 29–56.
Gumperz, J. J. (1964): Linguistic and Social Interaction in Two Communities. In: American Anthropologist 66 (6_PART2), 137–153.
Lave, J.; Wenger, E. (2011): Situated learning. Legitimate peripheral participation. 24. print. Cambridge: Cambridge Univ. Press (Learning in doing).
Reckwitz, A. (2003): Grundelemente einer Theorie sozialer Praktiken / Basic Elements of a Theory of Social Practices. In: Zeitschrift für Soziologie 32 (4), S. 282–301.
Stefanie Marek
Dissertations-Projekt:
User-Centered Writing at Work (UCWAW): Entwicklung einer Schreibdidaktik für Weiterbildungen in beruflicher Schreibkompetenz
Sprach- und Schreibkompetenz gilt als Schlüssel für berufliche und gesellschaftliche Teilhabe (vgl. Rammstedt et al. 2013; Efing und Kalkavan-Aydın 2024; Philipp 2015, Niederhaus 2022; Wendt und Neuhaus 2024).
In der internationalen PIAACC-Kompetenzmessung von Erwachsenen, schneiden deutsche Erwachsene im internationalen Vergleich mit über 30 Ländern nur durchschnittlich bis unterdurchschnittlich ab (vgl. Rammstedt et al. 2013: 20). In einem Land, dessen vorrangige Ressource der produktive Umgang mit Wissen ist, besteht hier Handlungsbedarf (vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales und Bundesministerium für Bildung und Forschung 2022, S. 2–5; vgl. OECD 2021: 35–37).
Trotz der vielfach betonten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedeutung ist das Thema „berufliche Schreibkompetenz“ in beruflichen Weiterbildungen nahezu kein Thema für die ca. 40 Millionen erwerbstätigen Menschen in Deutschland (vgl. Marek 2024). Professionelles Schreiben am Arbeitsplatz ist jedoch eine weitgehend vernachlässigte Kompetenz in Schule, Hochschule und Berufsausbildung (vgl. Niederhaus 2022: 147; Wendt und Neumann 2024: 80). Obwohl diese schreibenden Professionals in Abgrenzung zu den professionell Schreibenden in klassischen Schreibberufen wie Journalismus, Technischer Redaktion, PR meist keine institutionelle Ausbildung im professionellen Schreiben erhalten haben, verbringen sie bis zu 90% ihrer Arbeitszeit mit der Produktion von Texten (vgl. Kux 2023:82; Karass 2015: 256). Zwar wird der Weiterbildungsbedarf seit Jahren gesehen (vgl. Niederhaus 2022: 142, Zerfaß und Dühring 2016: 71; Schindler 2017: 119; Jakobs 2008: 6; Steffens 1995: 199-204), jedoch gibt es bis heute keine definierten Standards, wie professionelle Schreibkompetenzen an Berufstätige vermittelt werden können.
Das Projekt UCWAW leistet einen Beitrag zur Professionalisierung der beruflichen Schreibdidaktik und bietet eine breite Diskussionsgrundlage für die weitere Forschung.
Folgende Forschungsfrage steht zentral:
Wie kann berufliche Schreibkompetenz berufsbegleitend vermittelt werden?
Diese Frage soll in zwei Stufen untersucht, um im dritten Schritt in Form eines Curriculums beantwortet zu werden.
1. Literaturzusammenschau
Sichtung der Literatur in verwandten Bereichen wie der Erwachsenenpädagogik, der Didaktik des Deutschen als Erst- und Fremdsprache, der Schreibdidaktik aus Schule und Hochschule, um das für diesen Anwendungsbereich nützliche Hintergrundwissen aufzudecken.
Zwischen-Ergebnisse:
- Merkmalskatalog der schreibenden Professionals für Anforderungs-Ermittlungen
- Definition berufliche Schreibkompetenz und ihre Merkmale
- Schreibdidaktische Prinzipien für berufliche Weiterbildungen in Schreibkompetenz
2. Empirische Studie:
Anforderungsanalyse mit schreibenden Professionals hinsichtlich der notwendigen Schreibkompetenzen sowie deren berufsbegleitender Fortbildung. Forschungsmethoden: Fragebogen mit Fokus auf der IT-Branche.
Zwischen-Ergebnisse:
- Quantitative und qualitative Merkmale der schreibenden Professionals und des writing at work
- empirische Ergänzung des Begriffes berufliche Schreibkompetenz
- empirisch basierte Anforderungsanalyse für schreibdidaktische Prinzipien und schreibdidaktische Weiterbildungen
3. Synthese: UCWAW Curriculum-Konzept
Auswertung der Forschungs-Ergebnisse aus Literaturzusammenschau und Empirie und Überführung in einen theoretisch und empirisch fundierten Entwurf einer Schreibdidaktik für die berufliche Weiterbildung.
Ergebnis:
Grundkonzept eines Curriculums für professionelle Weiterbildung im beruflichen Schreiben am Arbeitsplatz für Berufstätige im Alter von 25 bis 65 Jahren, das an unternehmensspezifische Anforderungen der beruflichen Schreibförderung adaptiert werden kann.
Literatur
Bundesministerium für Arbeit und Soziales (2021): Forschungsbericht 590: Arbeitszufriedenheit und Arbeitsbedingungen. Bundesministerium für Arbeit und Soziales.
Online verfügbar unter https://www.bmas.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/Forschungsberichte/fb-590-arbeitszufriedenheit-und-arbeitsbedingungen.pdf?__blob=publicationFile&v=4, zuletzt aktualisiert am Juli 2021, zuletzt geprüft am 15.10.2024
Efing, C.; Kalkavan-Aydın, Z. (Hg.) (2024): Berufs- und Fachsprache Deutsch in Wissenschaft und Praxis. Ein Handbuch aus DaF- und DaZ-Perspektive. Berlin, Boston: De Gruyter (DaZ-Handbücher, Band 3).
Jakobs, E. (2008a): Berufliches Schreiben: Ausbildung, Training, Coaching. Überblick zum Gegenstand. In: Eva-Maria Jakobs und Katrin Lehnen (Hg.): Berufliches Schreiben. Ausbildung, Training, Coaching. Frankfurt, M., Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien: Lang (Textproduktion und Medium, Bd. 9), S. 1–14.
Karras, S. (2015): Wie schreiben Ingenieure im Beruf: ein arbeitsplatzbezogenes Kommunikationsprofil. Dissertation. University of Zurich, Zurich. Faculty of Arts. Online verfügbar unter https://doi.org/10.5167/uzh-119987.
Kux, C. (2023): Schreiben Im Ingenieurberuf. Eine Qualitative Langzeitstudie. 1st ed. Frankfurt a.M.: Peter Lang GmbH Internationaler Verlag der Wissenschaften (Textproduktion und Medium Series, v.21).
Marek, S. (2024): Schreibende Professionals: Typologie einer Zielgruppe für Weiterbildungen im beruflichen Schreiben. Hermes Journal of Language and Communication in Business. 2024 (im Druck)
Niederhaus, C. (2022): Deutsch für den Beruf. Eine Einführung. Berlin: Erich Schmidt Verlag (Grundlagen Deutsch als Fremd- und Zweitsprache, 4).
Philipp, M. (Hg.) (2017): Handbuch Schriftspracherwerb und weiterführendes Lesen und Schreiben. 1. Auflage. Weinheim, Basel: Beltz. Online verfügbar unter http://ebooks.ciando.com/book/index.cfm?bok_id/2268803.
Rammstedt, B.; Ackermann, D.; Helmschrott, S.; Klaukien, A.; Maehler, D. B. (Hg.) (2013): Grundlegende Kompetenzen Erwachsener im internationalen Vergleich. Ergebnisse von PIAAC 2012. Münster: Waxmann. Online verfügbar unter http://nbnresolving.de/urn:nbn:de:0168-ssoar-360687.
Schindler, K. (2017): Studium und Beruf. In: Michael Becker-Mrotzek, Joachim Grabowski und Torsten Steinhoff (Hg.): Forschungshandbuch empirische Schreibdidaktik.Münster, New York: Waxmann, S. 109–123.
Statistisches Bundesamt (Destatis) (2023): Datenset: Erwerbstätigenquoten nach Wirtschaftsabschnitten, Altersgruppen und Geschlecht. Hg. v. Destatis. Statistisches Bundesamt (Destatis). Wiesbaden.
Steffen, K. (1995): Schreibkompetenz. Schreiben als intelligentes Handeln. Zugl.: Aachen, Techn. Hochsch., Diss., 1994. Hildesheim: Olms-Weidmann (Germanistische Texte und Studien, 52).
OECD (Hg.) (2021): Continuing Education and Training in Germany. Getting Skills Right. OECD. Paris: OECD Publishing. ilibrary.org/employment/continuing-education-and-training-in-germany_30325443-de#page13, zuletzt geprüft am 11.01.2023.
Zerfaß, A.; Dühring, L. (2016): Strategische Kommunikation – Zentrale Fragestellungen aus Sicht der Unternehmenskommunikation. In: Manfred Bruhn, Franz-Rudolf Esch und Tobias Langner (Hg.): Handbuch Strategische Kommunikation. Grundlagen - innovative Ansätze - praktische Umsetzungen. 2., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Wiesbaden: Springer Gabler (Springer Reference Wirtschaft, Band 1), 50-74.
Nora Freytag
Dissertations-Projekt:
Sprachlich-kommunikative Anforderungen in der türkisch-deutschen Unternehmenskommunikation (Arbeitstitel)
Das vorliegende Dissertationsprojekt untersucht die Verwendung und Relevanz der deutschen Sprache in der Wirtschaftskommunikation zwischen deutschen und türkischen Unternehmen. Aus wirtschaftswissenschaftlicher Perspektive besteht Konsens darüber, dass Sprache als ein Instrument der Macht in der Wirtschaftskommunikation (Tenzer & Pudelko, 2017) fungiert, welches sich auf den persönlichen Einfluss, Machtdynamiken in multinationalen Teams und Kooperationsmöglichkeiten zwischen Unternehmen auswirkt (vgl. u.a. Charles & Marschan-Piekkari, 2002; Cuypers et al., 2015; Fredriksson et al., 2006; Marschan et al., 1997). Tenzer et al. (2017, S. 815) betonen, dass die „fast growing number of studies demonstrated that language diversity influences almost all management decisions in modern multinational corporations” – doch der Schwerpunkt der Zweitsprachenerwerbsforschung liegt in den letzten Jahren bei sprachlich-kommunikativen und vor allem berufsspezifischen Anforderungen innerhalb deutschsprachiger Unternehmen zur Integrierung internationaler Fachkräfte. Wenige Studien zur Verwendung der deutschen Sprache in internationalen Unternehmen forderten weiterführende Untersuchungen (siehe u.a. Freytag, 2023; Sutter, 1992; Vandermeeren, 1998), die bislang jedoch weitestgehend unbeantwortet blieben (vgl. Ammon, 2015, S. 417). Darüber hinaus wird ersichtlich, dass der Fokus der Erforschung von Sprache insbesondere auf bestimmten Ländern, wie Finnland, Deutschland, Großbritannien und den USA (Tenzer et al., 2017) liegt.
Aus diesen Gründen erscheint es nicht nur sinnvoll, einen Blick in Länder mit einer geringen empirischen Forschungsgrundlage zu werfen, sondern auch die wirtschaftswissen-schaftliche Forschung um die Perspektive der Fremdsprachenwissenschaft zu erweitern. In diesem Zusammenhang ist die Türkei von besonderem Interesse, da die Beziehungen zu Deutschland auf eine über 300 Jahre lange Tradition zurückblicken (Esen et al., 2020) und entsprechend viele bilaterale Wirtschaftsbeziehungen aufweisen.
In erster Linie soll daher die Gestaltung der Wirtschaftskommunikation zwischen deutschen und türkischen Unternehmen in den Blick genommen werden, um zu identifizieren, in welcher Form die deutsche Sprache verwendet wird und welche Relevanz an Deutschkompetenzen sich darin zeigen. Zu diesem Zweck werden leitfadengestützte Expert:inneninterviews mit verschiedenen Akteur:innen der türkischen Wirtschaft, wie beispielsweise der Auslandshandelskammer, durchgeführt. In einem weiteren Schritt wird in einem Unternehmen untersucht, inwiefern in bestimmten beruflichen Situationen sprachlich-kommunikative Anforderungen und dabei insbesondere berufsspezifische sprachliche Phänomene sichtbar werden. Die Datenerhebung erfolgt in Form einer Sprachbedarfsermittlung, in deren Rahmen vorab festgelegte Kommunikationssituationen aufgenommen und analysiert werden. Ziel dessen ist es, zu überprüfen, ob entsprechende Anforderungen vorliegen, über die Gelingensbedingungen für eine erfolgreiche Unternehmenskommunikation identifiziert werden können.
Literatur
Ammon, U. (2015). Die Stellung der deutschen Sprache in der Welt. De Gruyter.
Charles, M., & Marschan-Piekkari, R. (2002). Language Training for Enhanced Horizontal Communication: A Challenge for MNCs. Business Communication Quarterly, 65(2), 9–29.
Cuypers, I. R., Ertug, G., & Hennart, J.-F. (2015). The effects of linguistic distance and lingua franca proficiency on the stake taken by acquirers in cross-border acquisitions. Journal of International Business Studies, 46(4), 429–442. https://doi.org/10.1057/jibs.2014.71
Esen, E., Türk, F., & Trepke, F. (Hrsg.). (2020). 300 Jahre deutsch-türkische Freundschaft: Stand und Perspektiven. Peter Lang.
Fredriksson, R., Barner‐Rasmussen, W., & Piekkari, R. (2006). The multinational corporation as a multilingual organization: The notion of a common corporate language. Corporate Communications: An International Journal, 11(4), 406–423. https://doi.org/10.1108/13563280610713879
Freytag, N. (2023). Wechselwirkungen zwischen der deutschen Sprache und der deutschen Wirtschaft im internationalen Kontext. German as a Foreign Language, (1), 124–145.
Marschan, R., Welch, D., & Welch, L. (1997). Language: The forgotten factor in multinational management. European Management Journal, 15(5), 591–598.
Sutter, H. (with Deutschland). (1992). Fremdsprachenbedarf in Klein- und Mittelbetrieben: Eine vergleichende Analyse empirischer Untersuchungen. Bock.
Tenzer, H., & Pudelko, M. (2017). The influence of language differences on power dynamics in multinational teams. Journal of World Business, 52(1), 45–61. https://doi.org/10.1016/j.jwb.2016.11.002
Tenzer, H., Terjesen, S., & Harzing, A.-W. (2017). Language in International Business: A Review and Agenda for Future Research. Management International Review, 57(6), 815–854. https://doi.org/10.1007/s11575-017-0319-x
Vandermeeren, S. (1998). Fremdsprachen in europäischen Unternehmen: Untersuchungen zu Bestand und Bedarf im Geschäftsalltag mit Empfehlungen für Sprachenpolitik und Sprachunterricht (1. Aufl). Popp.
Isa-Lou Sander
Berufssprache – Modellierung und Fördermöglichkeiten (Arbeitstitel)
Kurzvorstellung des Projekts:
Sprachlich-kommunikative Kompetenzen gelten als zentraler Schlüssel zu einer erfolgreichen
beruflichen Handlungsfähigkeit und der Faktor des situations- und adressatenadäquaten
Sprachgebrauchs ist hierbei als besonders relevant einzuschätzen (vgl. bspw. Settelmeyer et al. 2017: 5, Siemon et al. 2016, Grünhage-Monetti/Svet 2014). Welche Register für den Berufs- und Ausbildungsalltag jedoch als zentral angesehen werden können und wie sie sich linguistisch modellieren lassen, ist innerhalb der Forschung noch nicht hinreichend untersucht. Das Promotionsprojekt „Berufssprache – Modellierung und Fördermöglichkeiten“ widmet sich daher der Frage, ob sich innerhalb der mündlichen Kommunikation am Arbeits- und Ausbildungsplatz ein eigenständiges Register Berufssprache (vgl. Efing 20214) herausbildet und wie sich dieses empirisch modellieren lässt. Hintergrund ist hier die bestätigte Annahme, dass es nicht vorrangig fachsprachliche Strukturen sind, die die Kommunikation am betrieblichen Arbeits- und Ausbildungsplatz prägen (vgl. Grünhage-Monetti 2010: 56; Kuhn/Sass 2018). Zur Beantwortung dieser Frage wird innerhalb des Promotionsprojektes eine empirische Studie in Form einer breit angelegten Sprach-bedarfsermittlung (vgl. Efing/Kiefer 2018) durchgeführt, die sich aus teilnehmenden Beobachtungen in Betrieben verschiedener Branchen mit begleitender Audiographie und leitfadengestützten Interviews zusammensetzt. Ziel ist es, eine empirisch fundierte Register-modellierung, aufbauend auf der Registerkonzeption nach Halliday (1978), zu erarbeiten und
anschließend Impulse für eine betriebsintegrierte Förderung (vgl. Sander/Efing 2021) zu formulieren.
Das Projekt wird betreut von: Prof. Dr. Christian Efing (Erstgutachter), Prof. in , Dr. in Constanze Niederhaus (Zweitgutachterin)
Literatur
Efing, C. (2014): Berufssprache & Co.: Berufsrelevante Register in der Fremdsprache. Ein varietätenlinguistischer Zugang zum berufsbezogenen DaF-Unterricht. In: Info DaF (4), S. 415–441.
Efing, C.; Kiefer, K.-H. (2018): Methoden zur Erhebung, Analyse und Beschreibung kommunikativer Anforderungen, Praktiken und Verhaltensweisen in beruflichen Ausbildungs-Kontexten. In: Christian Efing und Karl-Hubert Kiefer (Hg.): Sprache und Kommunikation in der beruflichen Aus- und Weiterbildung. Ein interdisziplinäres Handbuch. Tübingen: Narr Francke Attempto, S. 193–215.
Grünhage-Monetti, M. (2010): Expertise - Sprachlicher Bedarf von Personen mit Deutsch als Zweitsprache in Betrieben. Deutsches Institut für Erwachsenenbildung (DIE) – Leibniz Zentrum für Lebenslanges Lernen Bonn.
Grünhage-Monetti, M./ Svet, A. (2013), „… also ich glaube, das Reden ist das Allerwichtigste“. Kommunikation und berufliche Handlungskompetenz im Migrationskontext. In: Kiefer, Karl-Hubert; Efing, Christian; Jung, Matthias & Middeke, Annegret (Hrsg.), Berufsfeld-Kommunikation: Deutsch. Frankfurt/M.: Peter Lang, 177-198.
Halliday, M. A. K. (1978): Language as social semiotic. The social interpretation of language and meaning. London: Arnold.
Kuhn, C./Sass, A. (2018): Berufsorientierter Fremdsprachenunterricht. Sprachtraining für die kommunikativen Anforderungen der Arbeitswelt. In: Fremdsprache Deutsch - Zeitschrift für die Praxis des Deutschunterrichts (59), 3–11.
Sander, I.-L./ Efing, C. (2021) (Hrsg.): Der Betrieb als Sprachlernort. Tübingen: Narr.
Settelmeyer, Anke et al. (2017): Sprachlich-kommunikative Anforderungen in der beruflichen Ausbildung. Abschlussbericht. Unter Mitarbeit von Christine Widera, Santina Schmitz und Kerstin Schneider. Bundesinstitut für Berufsbildung. Bonn.
Siemon, J.; Ziegler, B.; Kimmelmann, N.; Tenberg, R. (Hg.) (2016): Beruf und Sprache. Anforderungen, Kompetenzen und Förderung. Franz-Steiner-Verlag. Stuttgart: Franz Steiner Verlag (Zeitschrift für Berufs- und Wirtschaftspädagogik Beiheft, 28).